01.09.2026

Neurodiversität im pädagogischen Alltag

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Jedes Kind soll sich in Kita, Kindergarten und Schule sicher, gesehen und handlungsfähig fühlen können. Damit Lernen, Spielen und Teilhabe im pädagogischen Alltag gelingen, braucht es Rahmenbedingungen, die zu unterschiedlichen Bedürfnissen und Voraussetzungen passen.


Dieser Beitrag entstand mit fachlicher Unterstützung von Laura Steiner, Dozentin für Berufsstudien (Mentorat) und Classroom Management sowie Studienleiterin des CAS 4–8 «Unterrichten in heterogenen Gruppen im Zyklus 1» an der PH Luzern.

Neurodivergent – was bedeutet das eigentlich?

Jedes menschliche Gehirn ist einzigartig: Obwohl ähnlich aufgebaut, funktionieren nicht alle gleich. Neurodiversität beschreibt dies als natürlichen Bestandteil der menschlichen Vielfalt.

Als neurotypisch werden Menschen bezeichnet, deren Wahrnehmungs-, Denk- und Verarbeitungsweise weitgehend dem entsprechen, was gesellschaftlich als «normal» oder üblich gilt. Neurodivergent bedeutet, dass einzelne Bereiche wie z.B. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen oder Regulation davon anders funktionieren.

Neurodivergenz ist keine Krankheit und sagt nichts über den Wert, die Intelligenz oder die Fähigkeiten eines Menschen aus. Die Begriffe helfen vielmehr, unterschiedliche Voraussetzungen wahrzunehmen und besser zu verstehen.

Das Mischpult im Kopf: Wie Kinder Reize unterschiedlich verarbeiten

Alltag in Kita, Kindergarten und Schule: Stühle rücken über den Boden, mehrere Kinder sprechen gleichzeitig, helles Licht scheint durchs Fenster, bunte Zeichnungen hängen an den Wänden. Ein Übergang zur nächsten Aktivität steht bevor, verschiedene Gerüche liegen in der Luft, ein Kind kommt zu nah oder es kommt zu einem zufälligen Körperkontakt.

Unser Gehirn muss fortlaufend Sinneseindrücke einordnen und im Moment weniger relevante Reize ausblenden, damit es die Aufmerksamkeit auf das richten kann, was gerade wichtig ist. Das lässt sich mit einem inneren Mischpult vergleichen: Es hilft, einzelne Reize unterschiedlich zu gewichten und die Aufmerksamkeit entsprechend auszurichten.

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Bei manchen Kindern sind einzelne oder mehrere Regler besonders sensibel eingestellt. Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder soziale Anforderungen können dann so stark in den Vordergrund treten, dass es viel Energie braucht, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. Für neurodivergente Kinder kann die Regulation dieser Eindrücke mitunter deutlich mehr Kraft kosten und auf Dauer erschöpfen.

Das innere Mischpult ist also nicht bei allen gleich eingestellt und kann sich im Verlauf des Tages verändern. Ein Kind kann am Morgen gut mit einer Situation umgehen und am Nachmittag von derselben Situation überfordert sein. Müdigkeit, Hunger, Unsicherheit, vorherige Erlebnisse oder ein Tag mit vielen Wechseln und sozialen Kontakten können dazu führen, dass zunehmend weniger Ressourcen für die Verarbeitung zur Verfügung stehen.

Warum Kinder Reize suchen oder meiden

Manche Kinder meiden bestimmte Reize. Geräusche, Licht, Körperkontakt oder viele gleichzeitige Eindrücke können schnell überfordern. Dann brauchen sie Abstand, Ruhe oder einen klaren Rückzugsort, um sich wieder zu regulieren.

Andere Kinder suchen gezielt bestimmte Reize. Sie bewegen sich viel, drücken, kneten, schaukeln. Auch das kann der Regulation dienen: Bewegung, Druck oder taktile Impulse können helfen, Spannung abzubauen, sich besser zu spüren oder aufmerksam zu bleiben.

Reize zu suchen oder zu meiden ist nicht vorschnell als störendes Verhalten einzuordnen. Beides kann zeigen, dass ein Kind versucht, eine Situation für sich bewältigbar zu machen und wieder ins Gleichgewicht zu finden.

Overload: Wenn alles zu viel wird

Manchmal kommen so viele Eindrücke gleichzeitig zusammen: Lärm, grelles Licht, wechselnde Bewegungen im Raum, Körperkontakt oder unklare Übergänge. Ein zusätzlicher, scheinbar kleiner Auslöser kann dann genügen, damit das innere Mischpult aus dem Gleichgewicht gerät.

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Bei einem Overload (Reizüberflutung) treffen mehr sensorische, soziale oder emotionale Eindrücke auf das Nervensystem, als es in diesem Moment verarbeiten kann. Die einzelnen Regler lassen sich dann nicht mehr wie gewohnt steuern. Nicht weil das Kind nicht will, sondern weil die nötige Energie fehlt, um die Reize weiter zu filtern und zu regulieren.

Aufträge und Anforderungen können in einer solchen Situation möglicherweise nur noch eingeschränkt aufgenommen und umgesetzt werden. Das Kind ist bereits damit beschäftigt, die vielen Eindrücke auszuhalten und wieder ins Gleichgewicht zu finden.

Masking: Wenn Überforderung unsichtbar bleibt

Aber nicht jede Überforderung fällt sofort auf. Manche Kinder beobachten andere sehr genau und passen ihr Verhalten entsprechend an. Sie unterdrücken eigene Impulse oder versuchen, möglichst wenig aufzufallen. Nach aussen wirken sie ruhig, angepasst oder «funktionierend». Dieser Anpassungsaufwand kann sie jedoch innerlich stark fordern und viel Kraft kosten.

Ein solches Verhalten wird häufig als Masking bezeichnet. Hält ein Kind belastende Situationen über längere Zeit aus, können Überforderung und Erschöpfung im pädagogischen Alltag lange unbemerkt bleiben.

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Nicht nur lautes oder auffälliges Verhalten verdient Aufmerksamkeit. Auch stille, stark angepasste oder erschöpfte Kinder brauchen möglicherweise Unterstützung.

Spiel- und Lernräume für unterschiedliche Bedürfnisse

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Neurodiversität erinnert daran, die Vielfalt der Wahrnehmungsweisen, Lernvoraussetzungen, Bewegungsbedürfnisse und Regulationsmöglichkeiten mitzubedenken: Nicht jedes Kind braucht dasselbe, um gut lernen zu können.

Kita, Kindergarten und Schule sind Orte, an denen Kinder spielen, lernen, entdecken und sich entwickeln. Damit möglichst alle daran teilhaben können, braucht es eine Umgebung, in der unterschiedliche Bedürfnisse ihren Platz haben. Ein möglichst entspanntes und unterstützendes Umfeld kann dazu beitragen, dass Kinder sich sicher fühlen, ihre Fähigkeiten einsetzen und sich entsprechend ihren Voraussetzungen entwickeln können.

Es geht nicht darum, die Kinder möglichst passend für ein bestehendes System zu machen. Sondern die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Bedürfnissen bestmöglich gerecht werden.

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Materialien und Hilfsmittel für den pädagogischen Alltag

Das ProSpiel Label «Neurodivers» macht ausgewählte Produkte sichtbar, die Kinder je nach Bedürfnis und Situation im pädagogischen Alltag unterstützen können, zum Beispiel bei Regulation, Rückzug, Wahrnehmung, Bewegung, Konzentration oder Orientierung.

Proaktiv vorbeugen, reaktiv begleiten

Dieser Beitrag bildet den Einstieg in unsere dreiteilige Blogserie zur Neurodiversität im pädagogischen Alltag. Im zweiten Teil zeigt Laura Steiner, wie proaktives Classroom-Management besonders neurodivergenten Kindern helfen kann, Überforderung vorzubeugen und wie Raum und Struktur gutes Lernen ermöglichen. Im dritten Teil geht es darum, wie pädagogische Fachpersonen sensorische Überlastung erkennen und reaktive Klassenführungsstrategien gezielt einsetzen können.

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